„Deutschland hat uns unsere Würde zurückgegeben“
„Deutschland hat uns unsere Würde zurückgegeben“

Rawad Zyadeh, ursprünglich aus Syrien stammend, kam als Resettlement-Flüchtling nach Deutschland und leitet heute die größte Abteilung im Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge in Schleswig-Holstein mit über 80 Mitarbeitenden.
Er grüßt zuweilen mit “moin”, hängt an manchen Satz ein norddeutschen „ne?“ und liebt Kiel. Eigentlich könnte dieser Mann ein ganz normaler, heimatverwachsener Norddeutscher sein. Aber vor zehn Jahren war Rawad Zyadeh noch ein Flüchtling, verfolgt in der Heimat, dann als Kellner in der Fremde, obwohl er zu Hause Anwalt mit eigener Kanzlei war – bis er nach Deutschland „resettled“ wurde. „Das war nicht nur eine Chance“, sagt der Syrer, der längst auch deutscher Staatsbürger ist, heute. „Es hat mir schlicht und einfach das Leben gerettet.“
Dabei wollte er nie weg. „Syrien war meine Heimat und mir ging es als Anwalt gut“, sagt er. „Hätte mir jemand gesagt, dass ich mal zum Flüchtling werden würde, hätte ich gelacht.“ Aber in Syrien gab es eine Wehrpflicht und der junge Rawad wurde eingezogen. „Dann muss ich da eben durch“, sagte er sich. Doch mitten in seiner Dienstzeit begann der Bürgerkrieg. „Ich wollte nicht töten müssen. Niemals!“, sagt er. Kurze Pause und dann fast entschuldigend: „Naja, und getötet werden wollte ich auch nicht.“
Also tauchte er unter, in Syrien. Sein Vater meldete ihn bei der Polizei als vermisst, damit die Familie nicht verfolgt wird. „Aber ich konnte mich ja nicht ewig verstecken“, sagt er. Also Flucht. Zuerst nach Libanon. Mit Frisur und Kleidung machte er sich etwas jünger und so gelangte er mit dem Ausweis seines jüngeren Bruders durch die vielen Checkpoints bis zur Grenze. Dort sollte ihn jemand über die Berge bringen.
Der war auch da – mit zwei Pferden. „Ich bin noch nie im Leben geritten“, sagt Zyadeh. Und jetzt gleich zwölf Stunden über die schneebedeckten Berge. Ein Abenteuer, wenn nicht ständig die Angst im Nacken gesessen hätte. Doch es ging alles gut. „Allerdings“, sagt er grinsend, „konnte ich danach erstmal nicht normal laufen.“
In Libanon arbeitete er als Kellner. „Das war ein ziemlicher Abstieg: Vom Anwalt in der eigenen Kanzlei zum einfachen Kellner. Aber ich will mich nicht beschweren!“ Denn, so sagt er: „Wenigstens konnte ich arbeiten und so für meinen eigenen Lebensunterhalt sorgen.“
Aber die Gefahr der Abschiebung blieb. UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, schlug ihn deshalb zum „Resettlement“ vor. Dafür werden Flüchtlinge, die auch in ihrem Zufluchtsland nicht bleiben können, ausgewählt und überprüft und dann potentiellen Aufnahmeländern vorgeschlagen. Die prüfen dann nochmal und geben gegebenenfalls grünes Licht. Bei Rawad gleich zwei: Kanada und Deutschland. Weil der Vater in den Siebzigern in Leipzig Tierheilkunde studiert und sehr angenehme Erinnerungen an Deutschland hatte, war die Entscheidung klar. „Als der Pilot dann sagte, dass wir jetzt im deutschen Luftraum sind, hatte ich Tränen in den Augen. Ich war endlich in einem sicheren Land!“
Der Start war holperig: Im Januar 2014 kam Rawad im eiskalten Kassel an, dann kam er nach Bramsche in Niedersachsen – und wurde erstmal krank. Zwei Wochen das Bett hüten. Aber der 30-Jähige war hochmotiviert:
„Jemand hatte bei meinem Leben für drei Jahre die Pausetaste gedrückt. Jetzt wollte ich endlich wieder arbeiten. Ich musste einfach was tun!“
Allerdings war da noch die Sprache. Zyadeh kratzt sich am Kopf. „Deutsch ist wirklich nicht einfach“, sagt er in perfektem Deutsch, das allerdings immer noch von einem Akzent gefärbt ist. „Nein, wirklich nicht einfach. Aber wenn man etwas erreichen will, muss man die Sprache des Gastlandes sprechen. Also habe ich mich richtig reingekniet.“ Mit Erfolg, auch wenn er heute, nach Studien in zwei Ländern, sagt: „Ich habe schon einige Prüfungen in meinem Leben gemacht. Aber die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang, die war echt die schwerste.“
Zyadeh studierte nochmal. „Ich musste immer doppelt so viel arbeiten wie die anderen: Erstmal übersetzen und verstehen, bevor ich mich an die eigentliche Aufgabe machen konnte.“ Wäre also Kanada doch die bessere Wahl gewesen? Er guckt fast verwundert. „Nö, nö! Es war schwer, aber ich habe mich immer wohlgefühlt.“
An der Universität Kiel machte er einen Master und das Thema der Masterarbeit war: Resettlement! „Der Titel ist ‚Resettlement-Flüchtlinge: Einreise… und dann?‘ Ich wollte sehen, wie es anderen erging. Und was man machen kann, damit es mit der Integration klappt. Für die Flüchtlinge. Aber auch für die, die sie aufnehmen.“ Zum beiderseitigen Vorteil. „Der entscheidende Faktor ist Arbeit, ist ein Job. Viele Flüchtlinge sind weit unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt. Das sorgt für Frust bei den Flüchtlingen – und verschenkt ihr Potential. Wichtig ist es also, dass die Job Center möglichst punktgenau vermitteln können.“
Nach dem Abschluss schrieb Zyadeh 130 Bewerbungen. Und bekam 130 Absagen. Dann stellte das Rote Kreuz ihn ein, dadurch bekam er Kontakt zu den Landesbehörden. Jemand erkannte sein Talent, seinen Fleiß und seinen Durchhaltewillen. Ganz unten fing er in der Verwaltung an, arbeitete sich aber schnell hoch. Heute leitet er beim Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge von Schleswig-Holstein die größte der vier Abteilungen, hat mehr als 80 Leute unter sich und die Verantwortung für sechs Liegenschaften.
“Er ist ein solch großer Gewinn für uns“, sagt sein Chef Dirk Gärtner.“ Und dass er selbst Fluchterfahrung hat, macht uns reicher. Mit solchen Mitarbeitern in unseren eigenen Strukturen können wir uns noch besser auf Menschen einstellen, die bei uns vor der Tür stehen, weil sie Schutz brauchen.“ Auch Zyadehs Kollege, Stabsstellen-Leiter Wolfgang Kossert, lässt nichts auf ihn kommen: „Wir profitieren nicht nur von seinen Fähigkeiten. Er hilft uns auch zu verstehen, was die Menschen aus Syrien, die wir hier aufnehmen, bewegt.“ Syrien ist das in den Landesunterkünften am stärksten vertretene Herkunftsland.
„Ich habe nie Ablehnung gespürt. Im Gegenteil, ich habe ganz viel Unterstützung bekommen“, sagt Zyadeh. Und er liebt seine Arbeit. „Es ist sicher von Vorteil, dass ich beide Seiten des Schreibtisches kenne.“ Und zu den Aufgaben des Amtes, für das er arbeitet, gehören auch unangenehme Entscheidungen. „Wir sind ein Rechtsstaat“, sagt er mit fester Stimme.“ Wer aus einem sicheren Land kommt, ist kein Flüchtling und hat keinen Anspruch, hier zu bleiben. Das ist manchmal schwer, aber es gibt Gesetze. Und das ist, was gilt!“
Zyadeh hat ein Netzwerk der syrischen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein gegründet. Das soll Stimme der Syrer in dem Land zwischen den Meeren sein und auch bei er Integration helfen. Für ihn vereint es beide Heimaten.
„Ich habe Syrien im Herzen, aber Schleswig-Holstein ist nun meine Heimat“, sagt er. „Hier habe ich geheiratet, hier sind meine beiden Kinder geboren. Kiel ist einfach wunderbar.“
Und er ist dankbar: „Deutschland hat uns Schutz gegeben. Im Gegensatz zu manchen arabischen Staaten, die das nicht gemacht haben. Und Deutschland hat uns nicht nur eine neue Chance gegeben, sondern auch unsere Würde zurückgeben. Dafür werde ich immer dankbar sein. Und Resettlement…“. Er macht eine Pause. „Resettlement hat mein Leben gerettet.“